Dies ist ein Bekenntnis dazu, radikal emotional zu sein

by Maike Hank
Selbstporträt der Autorin

Sätze wie „Sei doch nicht so emotional!“ oder „Du darfst das nicht so an dich ran lassen!“ begleiten mich schon mein ganzes Leben. Beinahe ebenso lang habe ich versucht, meine oft intensiv wahrgenommenen Gefühle zu unterdrücken, ihnen weniger Raum zu geben und sie – und damit auch mich – immer wieder infrage zu stellen und zu negieren. Das wollte ich ändern.

Ich begann, (meine) Gefühle genauer zu erforschen. Seither lese ich Bücher und Artikel zum Thema, schaue oder höre mir Vorträge und Gespräche an, nehme an Seminaren und Kursen teil und tausche mich mit anderen dazu aus.

Doch erst einmal entwickelte ich Strategien dafür, meinen „negativen“ sowie den „all zu positiven“ Gefühlen nicht mehr mit reiner Willenskraft sondern „echter“ Intervention zu begegnen. Auf diese Weise wollte ich zu weniger Wut, weniger Traurigkeit, weniger Schwäche, weniger überbordender Freude und zu mehr Gelassenheit, mehr Stärke gelangen.

Ich achtete auf Frühwarnzeichen meines Körpers, setzte mich nicht zu vielen Reizen aus, aß regelmäßig(er), meditierte, ging viel spazieren, verließ schon mal zum Atmen das Büro, oder blieb einfach zu Hause. Ich traf mich irgendwann nur noch mit Menschen, denen ich wirklich vertraute und ging potenziell anstrengenden Situationen so oft wie möglich aus dem Weg. Mein Alltag wurde dadurch tatsächlich entspannter, aber auch ereignisloser und vor allem einsamer. Das schlechte Gewissen blieb jedoch und von mehr Gelassenheit und Stärke war ich weiterhin entfernt.

Radikale Ehrlichkeit mit mir selbst

Das wandelte sich irgendwann. Nach und nach begriff ich meine Gefühle als eine Aufforderung, ganz genau hinzusehen, alle Schichten freizulegen, um die dahinter liegenden Bedürfnisse und damit mich selbst zu entdecken.

Eine wichtige Voraussetzung dafür war absolute Ehrlichkeit. Nur so konnte ich zu meinem Kern vordringen und mich, auch in Relation zu anderen, wirklich sehen. Das war vor allem zu Beginn unangenehm, schmerzhaft und häufig mit Scham verbunden, weshalb ich nur mit wenigen Menschen ausführlich darüber sprach.

Mittlerweile habe ich verschiedene Räume und Beziehungen gefunden, in denen es sehr viel Vertrauen und Sicherheit gibt, und setze mich auch im beruflichen Kontext für mehr emotionale Offenheit und Verletzlichkeit ein. Dies mag nicht für jede*n der richtige Weg sein und ist in vielen Umgebungen gar nicht möglich. Für mich ist es jedoch ein Ausblick auf einen Arbeitsalltag, in dem sich meine Utopie eines empathischen Miteinanders widerspiegelt, und in dem es auch Raum gibt für Menschen wie mich, die intensiver empfinden als andere.

Verlernen braucht Zeit

Veränderungen dieser Art geschehen langsam. Zwischendurch lege ich Pausen ein, denn nicht immer befinde ich mich in der passenden Lebensphase, mich und andere zu ergründen und alte Muster zu verlernen, oft verlangt mir der Alltag bereits viel ab.

Dies zu erkennen, hat eine Weile gedauert. Zum einen war ich ungeduldig, da ich nach so vielen Jahren offenbar einen Weg gefunden hatte, mich zu erkennen, zu verstehen und anzunehmen und eine ganz neue Qualität von Beziehungen zu erleben. Zum anderen war es nicht ganz einfach, mich der Flut von Apps, Tools, Artikeln, Workshops und Sharepcis zu widersetzen, die auf allen Kanälen zur Selbstoptimierung drängten – obwohl es mir von Anfang an nicht um mehr Leistung ging, sondern ein besseres Selbstverständnis, Mitgefühl und mehr Verbundenheit mit anderen.

Inzwischen weiß ich, dass ich viel Zeit benötige, um neue Einsichten zu verarbeiten und in den Alltag zu integrieren. Manchmal muss ich Erkenntnisse auch ruhen lassen, bis ich irgendwann wieder an sie anknüpfen kann. Oder ich verlasse mich auf mein Unterbewusstsein, das mich oft ganz ohne mein aktives Zutun neu verdrahtet.

Mehr Raum für Gefühle

So befinde ich mich jetzt endlich an einem Punkt des Weges, der sich richtig anfühlt, und an dem es mir nicht mehr genügt, mich eher unstrukturiert und im Verborgenen mit Gefühlen auseinanderzusetzen. Ich möchte dem Thema mehr Öffentlichkeit geben, denn ich sehe um mich herum eine wachsende Anzahl an Menschen, die im Zuge der Pandemie offener geworden ist und ihre Weichheit, Fragilität und Emotionalität nicht mehr verbirgt.

Diese Seite ist ein Bekenntnis dazu, radikal emotional zu sein, und ich möchte andere ebenfalls dazu ermutigen.

Diese Seite ist ein Appell, Empathie und Selbstempathie zu kultivieren – im Privaten, aber auch in öffentlichen Bereichen.

Diese Seite ist ein Gegenentwurf zu jener Kälte und Härte, mit der ein Teil der Gesellschaft gerade rücksichtslos ihr Ding durchzieht.

Darüber hinaus begreife ich es als Herausforderung, über Gefühle zu schreiben, ohne Kitsch, Allgemeinplätze, Oberflächlichkeiten oder gar Esoterik zu bemühen und gleichzeitig dennoch nahbar und weich zu sein, sei es in Form von Erfahrungsberichten als auch eher literarischen Texten.

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